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Le blog de Gloria : Of War and Peace
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Ungeduld des Herzens

Ungeduld des Herzens

Crédit photo : La Pitié Dangereuse, 1979, Edouard Molinaro

Crédit photo : La Pitié Dangereuse, 1979, Edouard Molinaro

"Ungeduld des Herzens" hätte eine Liebesgeschichte sein können.

 

Doch das Schicksal führt den jungen, gut aussehenden k. und k. Ulan Leutnant Anton Hofmiller in ein kleines Dorf an der ungarischen Grenze. Nichts ist einer kleinen Garnisonsstadt ähnlicher als eine andere kleine Garnisonsstadt, wie es im Text heißt. Kaserne, Exerzierplatz, Kaffeehaus, Konditorei... Der Alltag des jungen Mannes scheint schnurgerade. 

 

Doch dann taucht in diesem grauen Alltag die üppige Ilona im roten Kleid auf, die Nichte des Herrn von Kekesfalva - ein Name, der an "kis falu" (Kleines Dorf auf Ungarisch), erinnert. Ilona stürmt in die Konditorei, in der unser Held - oder zukünftiger Antiheld - gerade mit einem dortigen Prominenten Kaffee trinkt. Ilona ist eine prickelnde Frau, deren Sinnlichkeit unter die Haut geht und die urplötzlich den grauen Alltag des Leutnants aufhellt. Sie bestellt eine Menge Kuchen und verlässt die Konditorei, wie sie gekommen ist, und lässt den Leutnant frustriert zurück. 

 

Dank seiner Beziehungen gelingt es Anton, eine Einladung auf das Schloss zu erhalten, ein abgelegener Stammsitz, der ohne den Turm, mit dem er versehen ist, durchaus reizvoll hätte sein können. 

 

Bei diesem denkwürdigen Abendessen mit anschließendem Ball unterläuft dem jungen Offizier, der einst im Fernsehen von Mathieu Carrière (ach ja, Mathieu Carrière) verkörpert wurde, ein ebenso denkwürdiger Fauxpas, der sich schnell als verhängnisvoll erweist. Nachdem er mit Ilona und anderen Frauen bis zur Besinnungslosigkeit getanzt hat, fordert er die Haustochter Edith von Kekesfalva auf, ein 17-jähriges, zierliches und zurückhaltendes Mädchen mit großen, dramatischen Augen. Edith ist jedoch gelähmt und kann nicht gehen, geschweige denn tanzen, was der Leutnant gerade am eigenen Leib erfahren hat.

 

Der Originaltitel, ins Französische "La Pitié Dangereuse" oder ins Englische "Beware of Pity" übersetzt, oder eher adaptiert, beschreibt sehr treffend, was der Roman sorgfältig und methodisch zerlegt, ohne dabei auch nur einen Hauch von Langeweile aufkommen zu lassen.  Von Ilona, die übrigens anderweitig verlobt ist, wendet der Leutnant zwar bald den Blick ab, aber dieser Ausflug in eine andere, wohlhabendere und bequemere Welt als die seine, ist für ihn verlockend. Kommt er nicht aus einer großen und bescheidenen Familie, für die die Kadettenschule und später die Armee mit ihren Aufstiegsmöglichkeiten gute Perspektiven bieten? 

 

Schon bald gerät Anton in eine doppelte Falle, in die Falle des gefährlichen Mitleids, aber auch in die Falle der Ungeduld. Wenn er Herr seiner selbst und der Situation bleiben will, wird er zum Gefangenen seiner Gefühle, seines schlechten Gewissens und seines Altruismus, die ihn zum idealen Opfer der Manipulation und der emotionalen Erpressung machen, die langsam ihr Netz spinnen. Aber hat er nicht auch die Wirkung seiner häufigen Besuche, seiner Zuwendung und Fürsorge für dieses gebrochene, isolierte Mädchen unterschätzt, das sich doch danach sehnt, wie andere Frauen, zu lieben und geliebt zu werden?

 

"Ja, ich weiß schon, ich weiß, daß Sie nur aus Mitleid, also aus den anständigsten, den besten Motiven schwach geworden sind. Aber – ich glaube, ich habe Sie schon einmal gewarnt – es ist eine verflucht zweischneidige Sache mit dem Mitleid; wer damit nicht umzugehen weiß, soll die Hand davon lassen und vor allem das Herz. Nur im Anfang ist Mitleid – genau wie das Morphium eine Wohltat für den Kranken, ein Heilmittel, ein Hilfsmittel, aber wenn man's nicht richtig zu dosieren und abzustoppen weiß, wird's ein mörderisches Gift."

 

Stefan Zweig erzählt 1938 diese Geschichte, die im Mai/Juni 1914 in einer kleinen Provinzstadt der österreichischen Monarchie spielt. Im Jahr 1938 steht das Unheil, das Europa zerreißen wird, ebenso unmittelbar bevor wie im Frühsommer 1914 die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts. 

 

Der berühmte österreichische Schriftsteller, Autor von Biographien, Essays und Erzählungen, hat einen einzigen Roman geschrieben, und zwar diesen. Aber er hat dem Text, der scharfsinnigen Analyse, viele Züge seines Genies verliehen. Er verstand es, den Leser in seinen Bann zu ziehen, indem er in einer leichten, aber stets präzisen Sprache Beklemmung und sogar Spannung erzeugte. Man genießt die Überlegungen Antons, aber auch seine Gespräche mit dem ungewöhnlichen aber gründlichen Dr. Condor oder die unterwürfige Zähigkeit des Herrn von Kekesfalva, aber auch die köstlichen Sprüche der Regimentskameraden des Leutnants, den lokalen Akzent und die dialektalen Formulierungen.