Buddenbrooks von Thomas Mann (1929 Nobelpreis für Literatur) zu lesen war für mich eine Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln. Schon nach den ersten Kapiteln des Romans - wenn auch etwas mühsam, weil die Zeit zunächst langsam zu vergehen scheint - befand ich mich in einer mir vertrauten Gegend: Lübeck, die Hansestadt, an der Mündung der Trave. Das Haus, dessen Rokoko-Fassade die Bombenangriffe von 1942 auf das Handelszentrum Lübeck überstanden hat, ist immer noch beeindruckend. Das Buddenbrookshaus ist heutzutage ein Museum und ein Forschung- und Kulturzentrum, ganz der berühmten deutschen Schriftstellerfamilie Mann gewidmet.
Nachdem ich mich an den Rhythmus dieser Geschichte gewöhnt hatte, die mich von 1835 bis 1877 durch vier Generationen fleißiger Getreidehändler führen sollte, fand ich Gefallen an ihrem Charme und nicht zuletzt am entzückenden Stil.
Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Der erste Johann Buddenbrook begann sein Geschäft ein Jahrhundert zuvor, sein Sohn übernahm es - Herr Buddenbrook der Ältere, unterstützt von Johann, der ihm nach seinem Tod nachfolgte. Thomas, der älteste Sohn des Konsuls Johann Buddenbrook, führt das Unternehmen nach dessen Tod weiter.
Der Untertitel des Romans, Verfall einer Familie, deutet von Anfang an daran, dass die Buddenbrooks, eine gut situierte Familie von tüchtigen und erfolgreichen Kaufleuten, über Generationen hin ein wenig beneidenswertes Schicksal erleiden werden. Von Anfang an, tatsächlich, nimmt der Leser die Anzeichen und Hinweise auf die drohende Gefahr eines Niedergangs wahr: die Unfähigkeit des zweiten Sohnes, mit seinem Bruder zusammenzuarbeiten, sein ausschweifendes Leben, das mit den moralischen Werten der sehr integren und pietistischen Familie nicht vereinbar ist. Christian erweist sich als ein Lebemann, der sich lieber dem Nachtleben hingibt und seinen Erbteil verprasst. Antonie, die Schwester, heiratet zweimal unglücklich. Obwohl die Erzählung ein breites und sehr genaues Panorama der Lübecker Kaufmannswelt und im weiteren Sinne der Verwandten und Freunde der Familie Buddenbrook entwirft, konzentriert sie sich auf Antonie, im geringeren Maße auch auf Christian, der die Erwartungen seiner standes- und namenbewussten Familie nicht gerecht wird, und vor allem auf Thomas, ihren älteren Bruder, der allein die Tradition fortsetzt, auf Dauer aber glücklos.
Sehr schnell begreifen wir das Konzept der Pflicht, der im Leben dieser tüchtigen und fleißigen Kaufleute von grundlegender Bedeutung ist. Die Buddenbrooks haben sich nach und nach die Werte der Integrität, der Ehre und der Ehrfurcht vor Gott angeeignet, die traditionellen Werte der Aristokratie, und auf ihre Weise werden sie zu neuen Aristokraten und üben, wie die übrigen prominenten Kaufleute der Hansestadt, auch politische Macht aus.
Antonie (Tony), nachdem sie eine Grundausbildung erhalten hat, wird dazu gebracht, einen Ehepartner zu nehmen, vorzugsweise aus ihrem sozialen Kreis. Sie folgt also nicht ihrem Herzen, sondern gehorcht, notgedrungen, ihren Eltern, genauer ihrem Vater, dem sie nicht missfallen will. Fatalerweise entpuppt sich der Hamburger Geschäftsmann, der um ihre Hand angehalten hat, als Betrüger, und die nun geschiedene Tony kehrt mit ihrer kleinen Tochter zu ihren Eltern zurück. Ihre zweite Ehe mit einem Bayern einige Jahre später erweist sich als ebenso katastrophal. Noch einmal flieht sie mit ihrer Tochter und zieht nach der Scheidung ins Familienhaus.
Thomas' Schicksal scheint zunächst freundlicher zu sein: Er heiratet Tonys beste Schulfreundin, die schöne und reiche Gerda Arnoldsen aus Amsterdam, die musikalisch hochbegabt ist und gerne geigt. Thomas führt das Unternehmen zunächst erfolgreich, wird zum Senator gewählt. Er lässt ein prächtiges Haus bauen, dessen Luxus den Wohlstand widerspiegelt, denn alles ist Schein. Auch Thomas' zunehmend verschlossene, zurückhaltende, tadellose Haltung, verbirgt ein tiefes Unbehagen. Das Ehepaar wird Eltern eines kleinen Sohnes, dessen Gesundheit und psychische Verfassung jedoch labil bleiben. Das Wunschkind Hanno hat von seiner Mutter eine außergewöhnliche musikalische Begabung geerbt, die sich nicht mit dem gesunden und praktischen Menschenverstand vereinbaren lässt, den der Vater für unabdingbar hält, um ihm eines Tages im Geschäft nachzufolgen.
Die Geschichte der Buddenbrooks hätte eine banale Geschichte über die Arbeit und den Alltag einer norddeutschen Familie bleiben können, wenn nicht der außergewöhnliche Stil des damals noch sehr jungen Autors Thomas Mann ihr Schönheit und Kraft verliehen hätte. Thomas Mann bringt so vieles zum Ausdruck : schöne Landschaften, den Strand von Travemünde, die See, Stürme, die einen feuchten Wind aufwirbeln, dann den Regen, der auf die Fensterscheiben schlägt, das Klappern des Bestecks auf dem Porzellan, die erlesenen Köstlichkeiten der rituell zweiwöchentlichen Mahlzeiten im großen Patrizierhaus in der Mengstraße, die hellen Kleider der Damen, die wie Blumenkränze im Wind an der Küste flattern, ungestört vom drohenden Gewitter.
Man muss diesen Roman langsam, fast liebevoll genießen, so eindrucksvoll er auch ist. Meine Lieblingspassagen sind vielleicht, unter anderem, all die Kapitel, die dem Unbehagen von Thomas gewidmet sind, der sich immer mehr seines eigenen Verfalls und seiner Zerbrechlichkeit bewusst wird, die er durch eine obsessive Pflege seiner Person zu verbergen versucht, eine Erscheinung, die nach seinem eigenen inneren Eingeständnis nur eine Schauspielermaske ist.
Tony und ihr ständiges Bemühen, von ihrem unnachgiebigen Vater geliebt zu werden, der in seinen Prinzipien auf Gedeih oder Verderb gefangen ist, haben mich berührt. Die kurze Idylle des Mädchens mit einem jungen Medizinstudenten, der Mitglied einer Studentenverbindung war, fand ein Echo in meiner eigenen vergangenen Freundschaft mit einem Burschenschaftstudenten. Was für eine flüchtige, aber tragische Liebe, denn Tony versuchte damals nur, die Hoffnungen ihrer Familie zu erfüllen. Andererseits schien sich ihr eheliches Scheitern auch auf die nächste Generation auszudehnen, nachdem ihre Tochter Erika eine ebenso katastrophale Ehe mit dem unehrlichen Mieter der Büroräume in der Mengstraße 4 einging, ein Zeichen für den Niedergang dieses angesehenen Hauses. Tony ist aber eine liebenswerte, interessante Protagonistin, die zwar ihre Fehler hat, aber auch zeigt, dass sie sich letzten Endes ihrem Bruder und dem Lübecker Mikrokosmos gegenüber durchsetzen kann.
Die Originalität Thomas Manns liegt in seiner Vorliebe für Einzelheite, aber auch Leitmotive, wie wiederkehrende musikalische Themen, die die Wechselfälle und Wirren des Schicksals darstellen. Wieder auftauchende Protagonisten wie etwa Julchen oder Armgard, die (berühmten) Hände der Buddenbrooks, Thomas' sorgfältig gepflegter Schnurrbart und seine aufrechte Haltung, sein beinahe penibel glatt rasiertes Gesicht, aber auch Gerdas schweres, dunkelrotes Haar und ihre geheimnisvolle, goldbraune Augen, zart umrandet von bläulichen Schatten, sind allesamt schillernde Highlights in den beinahe obsessiv pulsierenden Wellen.
Die Sensibilität des kleinen Hannos, gequält von den Dingen des Lebens, von seinen Schul- und Sportkameraden, von der Krankheit, Hanno, der - wie seine Mutter - Zuflucht sucht in der Musik, in Geschichten und Erzählungen, in seiner Freundschaft mit dem ungewöhnlichen Kai Graf Mölln, dem letzten Spross eines ausgestorbenen Zweiges einer einst großen Adelsfamilie.
Thomas Mann, der damit den Weg für neue Erzähltechniken ebnete, spielt mit diesen verschiedenen Leitmotiven, aber auch mit klugen mises en abyme: Die Geschichte von Kai und seinem Vater, die im Schlamm eines verfallenen Bauernhofes mit ein paar Hühnern und Meerschweinchen wohnen, ist noch ein Symbol des Niedergangs einer Familie und trägt allein die Zeichen des letzten Endes Schicksals der Buddenbrooks und insbesondere Hannos in sich.
Kurz vor dem Ende des Romans nimmt die Erzählung die Form eines sehr langen Kapitels an, das fast hundert Seiten umfasst und einen Tag des Jungen beschreibt. "Es war ein Tag im Leben des kleinen Johan", heisst es. Dieser schlichte, ja trockene und unerbittliche Satz beschreibt kurz und bündig das Leben dieses zerbrechlichen und überempfindlichen Erben. Der Leser hat plötzlich den Eindruck, dass sich der ganze, weitaus umfangreichere Roman in diesem einen Kapitel konzentriert, der wie eine Art Novelle im Roman auftaucht. Der fast peinliche Stolz der Buddenbrooks auf Tradition und Herkunft verblasst plötzlich vor dem tiefen Unglück dieses überempfindlichen Jungen, den nur wenige wirklich verstehen.
Es gäbe noch viel zu sagen, so gewaltig ist der erste, ja so reife Roman eines jungen Schriftstellers. Thomas Mann hat die Zusammenhänge der deutschen Geschichte erfasst, aber auch in der Liebe zum Detail bewiesen, dass er nicht nur das Äußere, sondern auch die inneren Konflikte der Protagonisten präzise und doch taktvoll darstellt.
Einige der schönsten Zeilen beschreiben das Unaussprechliche, das zwischen Vater und Sohn auftaucht, die sonst nicht zueinander fanden.
“Und dann, plötzlich, vernahm Hanno über sich etwas, was in gar keinem Zusammenhange mit dem eigentlichen Gespräche stand, eine leise, angstvoll bewegte und beinahe beschwörende Stimme, die er noch nie gehört, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: »Nun ist der Leutnant schon zwei Stunden bei Mama … Hanno …«
Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine goldbraunen Augen auf und richtete sie so groß, klar und liebevoll wie noch niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den geröteten Lidern unter den hellen Brauen und den weißen, ein wenig gedunsenen Wangen, die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr überragt wurden. Gott weiß, wieviel er begriff. Das eine aber war sicher, und sie fühlten es beide, daß in diesen Sekunden, während ihre Blicke ineinander ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und jedes Mißverständnis zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook, wie hier, so überall, wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und helläugige Frische, sondern um Furcht und Leiden handelte, des Vertrauens und der Hingabe seines Sohnes gewiß sein konnte.”